Kritik | Stille von „Chima“

Küstler:
Chima
Redaktions-Wertung:
Titel:
Stille
Release:
06. Juli 2012
LeserInnen-Wertung:
Genre:
Pop,

War deutsche Musik jemals so schön, so brutal ehrlich, so auf den Punkt wie bei Chima? fragt man sich. Irgendwie schon lange nicht mehr. „Stille“ ist alles andere als leise. Und schon gar nicht wortkarg. Es ist ein Album, das ganz viel zu sagen und erzählen hat. Denn der Sohn nigerianischer Eltern steckt voller Träume, Liebe, Verlangen, Gedanken. Und an all dem lässt er uns bei seinem Album teilhaben. Hinter seinem lauten, offenherzigen Lachen verbirgt sich eine zweite Welt.

Und die ist geprägt von Gegensätzen. Hochglanz, aber auch Dreck und Abstieg, Geld und Macht, Schein und Overflächlichkeit. Wenn die Stille kommt, dann kommt mit ihr auch diese zweite Welt: Chima ist erziehender Vater und mit allen Mitteln darum bemüht, sein einziges Kind durchzubringen. Eine Herausforderung, die das Herz auch manchmal mürbe machen kann. Doch für die Liebe zu seinem Kind gibt es keinen zu hohen Preis. Dafür schluckt er Stolz, dafür beschneidet er die eigene Freiheit. Weil ihm alles daran liegt.

Er kämpft hart für seinen Lebensunterhalt und riskiert viel. Doch die Musik ist sein großer Traum und etwas, wofür ihm kein Preis zu hoch ist. Wofür er Hilfe von Freunde annimmt und irgendwann auch feststellen muss, dass diese nicht unendlich geben. Er arbeitet mit Produzenten, bittet um Gefallen und zahlt mit Zukunftsvisionen. Er verschuldet sich – finanziell, ideell, spirituell – und pokert hoch. Er leiht sich ein letzes Mal Geld und diesmal wird die Vision klarer, der Traum nimmt Gestalt an. „Stille“ entsteht.

„Countdown, Staubwolken, Schnitt! Ich lass alles hinter mir. Lasse alle Stricke reißen, vertraue auf mein Tier. Ich siege, ich atme, ich will mich vermehren. Nahe der Unendlichkeit kann ich mich spüren: Ich fliege!“ (aus „Fliegen“)

Chima schafft ein Album mit wunderbaren Liebeserklärungen („Dich zu lieben“, „Mariechen“, großartig auch: „Kleinigkeiten“), aber auch elektronischen Tanzbeats und Streichern. Er singt in einer präzise gewählten, klaren und frischen Sprache, trifft einfach alles auf den Punkt. Schon mit der ersten Auskopplung „Morgen“ hat er bewiesen, dass er irgendwo angekommen ist und den richtigen Weg geht. Mit „Stille“ macht er nun endlich deutlich, dass sich all die harten Jahre gelohnt haben. Endlich entfaltet sie sich; die schöne Seite der Stille.

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