Kritik | Der Tisch ist gedeckt von „Der Rest“

Küstler:
Der Rest
Redaktions-Wertung:
Titel:
Der Tisch ist gedeckt
Release:
4. Februar 2011
LeserInnen-Wertung:
Genre:

Einer gegen alle, einer gegen das System. So könnte man die Einstellung und die Musik von Philipp Taraz alias DER REST zusammenfassen. Es geht um Armut und Reichtum, Glück und Misserfolg, Neid, Güte und Ignoranz. Kurz um alles, was unsere heutige Gesellschaft mehr oder weniger prägt. Dabei setzt Taraz auf totale Puristik, lässt sich nur von wenigen Instrumenten wie Gitarre, Schlagzeug, Bass, Klavier und Geige begleiten, und verzichtet auf melodiösen, orchestralen Gesang. Im Vordergrund stehen die Texte und deren Aussage, für die Philipp und seine Schwester Luisa verantwortlich sind. Hingesetzt, „Der Tisch ist gedeckt!“

Und zwar reichhaltig. Denn Philipp Taraz ist ein stiller Beobachter, der am Rande des Geschehens steht und mehr oder weniger fassungslos zusieht, was sich da tut. Gewohnte Denkstrukturen sind ihm zuwider, er übt Kritik und wartet auf die Sintflut. Er ist DER REST einer Gesellschaft, der er nicht angehören möchte. Und er lehnt sich auf. In zehn Songs singt er über die „Flucht nach vorn“, „Nachsicht“, „Aus dem Fenster gelehnt“ oder „Vorsicht“. Keine Titel, zu denen man tanzen kann. Aber Songs, die den Kopf beanspruchen und hinterfragen.

Das zeigt schon das Cover, was auf den ersten Blick ein wenig erschrecken mag. Es erinnert an „Der Schrei“ von Edvard Munch und hat eine ebensolche Aussagekraft. Es zeigt einen Philipp Taraz, dem wortwörtlich die Haare zu Berge stehen und der zusieht, wie sich über ihm am Himmel ein Unwetter zusammenbraut. Ganz klar die Ruhe vor dem Sturm. Denn der Himmel und die Malerei ziehen sich wie ein roter Faden durch das Booklet. In Form von Porträts der Künstlerin Jeannine Max und Bildern verschiedener Personen vor dem Horizont.

Man könnte es eigentlich kurz machen: „Der Tisch ist gedeckt“ und den meisten wird nicht schmecken, was er zu bieten hat. Die vermeintlich heile Welt und der mediale Zirkus haben abgestumpft, der bittere Geschmack der Wahrheit und der Spiegel, den Taraz dem Zuhörer vorhält, offenbaren, wie wenig süß die Realität anmutet. Und das dürfte nicht jedem gefallen. Aber so ist es doch immer, wenn einer gegen den Strom schwimmt, oder?

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1 Kommentar

  1. Trotz aller Wortgewalt die sich hier Bahn bricht, es sind nicht nur die Texte
    auf „Der Tisch ist gedeckt“ von „Der Rest“ aus Hamburg, die es verstehen sich
    eindrucksvoll Gehör zu verschaffen. Wundervolle Musik tütenweise. Liebevoll
    instrumentiert, durchdacht arrangiert. Die Gitarrenläufe schnörkellos präzise, leises
    Orgelschnurren, Klavierpassagen, Streicher veredeln die Songs ohne sie zu
    belasten, lassen Platz wo er hingehört, keiner muss sich drängeln,
    Rücksicht, Vorsicht und Nachsicht damit die Stimme sagen kann was gesagt
    werden muss und die Musik den Hörer auffängt wo auch weise Worte enden.
    Mit wenig gibt sich dennoch keiner zufrieden, was sich Gott sei Dank nicht
    in endlosen Soli wiederspiegelt sondern in reflektierter Haltung.
    Wie unaufdringlich aber zielstrebig diese Gedanken einem in den Schoß fallen
    als müsse es sich um ein Versehen handeln, ist kein bloßer Zufall oder
    austarierter Wortsalat. Die Sätze sind bezahlt.
    Manche schreiben eben mit Tinte. Andere mit Blut. Diesem Umstand trägt die Band
    Rechnung in dem sie sich untersteht das Wort an sich zu reißen.

    Der Zuhörer darf sich im Vorbeigehen ertappt fühlen, wenn nicht sogar kalt
    erwischt, womit wir bei den, in der Tradition des Chanson gehaltenen Texten
    wären. Chanson weil das Wort der Musik übergeordnet ist, das sich mittels Musik
    neuer Bedeutsamkeit erfreut. Abgefertigt, ohne Not bloß gestellt und allein
    gelassen wird der Hörer nach meinem Empfinden nicht. Eher ein Freispruch im
    Sinne der Anklage. Wenige Worte von deutschen Bands haben mich so ergriffen wie
    die letzten Zeilen des Albums „der Tisch ist gedeckt“. Wer in diese Hand die da
    ausgestreckt wird, nicht einschlägt, mit dem muss man weder über diese Songs
    reden noch über irgendwelche anderen. Ich bevorzuge da ein shut the fuck up und
    hör doch was Du willst. Nach dem Verklingen dieser Platte steht man vor sich
    selbst. Dass manchen Menschen das unangenehm ist liegt in der Natur der Sache.

    Es ist nebenbei absurd dem Rest immer wieder vorzuwerfen ganz schön düster zu sein.
    Die Ärztin meines besten Freundes äußerte sich jüngst besorgt um seinen Gesundheitszustand.
    Er solle in Zukunft besser auf sich achten. „Sie wollen doch noch viele Jahre leben oder nicht?“
    soll sie gefragt haben. „Wie kommen sie denn darauf? Lesen sie keine Zeitung?“, war seine Antwort …
    Was das damit zu tun hat? Um Missverständnisse zu vermeiden, weder mein Freund noch ich sind
    suizidal aber, dass ich nass bis auf die Knochen bin, hat nicht eine Band zu verantworten
    die mich freundlicherweise nicht im Regen stehen lassen will. Dass das Leben eine Tragödie ist,
    war nicht unsere Idee, und wie ich mich darüber hinweg tröste ist meine Sache.
    Den Warnhinweis, „Zuhören gefährdet die Gesundheit“ verstehe ich als vorauseilenden
    Gehorsam und hübsches Kompliment an die Gesellschaft, gerührt ob solcher Fürsorge,
    und vom Schweigen der Lämmer nicht zu schweigen: Diese Platte hätte in allen großen Zeitungen
    besprochen werden müssen. Bis dahin gilt: „es wird erst wieder hell, wenn es
    wirklich dunkel ist“.

    Was ist in den reviews die ich bisher gelesen habe alles an haarsträubenden
    Vergleichen herangezogen worden. Ist das Vokabular für Musik denn so begrenzt,
    dass man sich bei so ner Band Vergleiche mit Rosenstolz etc. gefallen lassen
    muss?
    Tocotronic, Hamburger Schule, wahrscheinlich gut gemeint und leider das
    Gegenteil von gut. Viel zu einfach. Das Werk ist komplexer als es sich geben
    mag. Seine Eloquenz, die Verweigerungshaltung, nicht das Maß aller Dinge. Das
    Mißverständnis mag nahe liegen ,aber hier ist das Gegenüber das Maß. Nicht das
    Ich. Selbiges verschwindet fast.Phil Taraz ist, obwohl er sagt, er halte nie
    wieder die andere Wange hin, bereit die Klinge durchzuziehen die andere ihm an
    die Kehle halten. Wie ich schon sagte, Haltung. Und wieder einmal begnügt man
    sich mit „gut, dass wir verglichen haben“. Den Widerspruch zu Wort kommen
    lassen
    und dann auch noch aushalten, genau das verlangt die Platte, ist vielleicht
    auch
    zuviel verlangt. Print Medien aller Art steht das Wasser ebenso bis zum Hals
    wie
    den Heerscharen von Selbstausbeutern, seien das Bands, Künstler überhaupt oder
    meinetwegen Putzfrauen, Taxifahrer, allen und jedem. Torschluss Panik auf der
    Titanic, die Boote sind voll und der Rest spielt für Leute die sich um die
    letzten Plätze prügeln.
    Den Geschwistern Taraz schien das bewusst zu sein. Die Sätze biedern sich nicht
    an und betteln, bei allem Schmerz die sie hinterlassen, nicht um Vergebung.
    Sarkasmus, Zynismus, und die gute alte Selbstironie, dürfen gerne mal
    pausieren,
    wer aber einen Mangel an Humor konstatiert hat sich zu sehr ans schwarz weiß
    malen gewöhnt. Eine Menge Zwischentöne wurden aus dem vollen Grau geschöpft die
    so gar nichts mit dem müden Lächeln der, zwischen Musiker und Comedian
    angesiedelten Bands zu tun haben. Genauso wenig, wie die Ernsthaftigkeit sich
    der unfreiwilligen Komik der Darkwave und Gothik Vertreter entzieht, die gerne
    bemüht werden. Selbst die viel gerühmte Lakonie will sich nicht um ihrer selbst
    willen gefallen sondern sucht unermüdlich nach der Wahrheit zwischen allen
    Stühlen und allen Zeilen, fairerweise muss man sagen es ist nicht einfach Worte
    zu finden die der Platte gerecht werden. Es sei denn man legt sie auf.

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