Kritik | Born To Die von „Lana Del Rey“

Küstler:
Lana Del Rey
Redaktions-Wertung:
Titel:
Born To Die
Release:
27. Januar 2012
LeserInnen-Wertung:
Genre:

Über kaum einen anderen Star (neben Lady Gaga) wurde in den vergangenen Monaten so viel geredet wie über Lana Del Rey. Das Mädchen mit dem Schmollmund, an dem angeblich alles echt ist und das in Wirklichkeit Lizzy Grant heißt. Sie wird gehypt und gepusht wie die Erfindung von Facebook, ihre Lieder laufen bei Fashionsshows wie der Haute Couture Spring/Summer Show von Dior und in Dauerrotation bei Viva und MTV. Klar, dass die Erwartungen an das erste (eigentlich ja zweite) Album der 25-Jährigen immens hoch waren. Was bleibt, wenn die Karten aufgedeckt werden, keine Inszenierung ablenken kann?

Eigentlich weniger, als so mancher vermutet. „Born To Die“ ist nicht sterbensschön, es ist vielmehr ein sehr solides, nur wenig überdurchschnittliches Popalbum der selbst ernannten ‘Gangsta-Nancy-Sinatra’. Der ‘Lolita, die sich im Ghetto verlaufen hat’ und mit hochgeschlossener Bluse auf dem Cover posiert.

Aufgewachsen ist Lizzy Grant in Lake Placid, an den äußeren Randgebieten des Staates New York. Mit 15 wurde sie auf ein Internat in Connecticut abgeschoben, mit 17 versuchte sie sich erstmals als Sängerin. Im Normalo-Look, mit Jeans und leicht schlabbrigem T-Shirt, mit einem kaum wahrnehmbaren Stimmchen und verdächtig schmalen Lippen. Künstlich waren an ihr damals höchstens die Fingernägel. Vielleicht ein Grund, warum es mit der Karriere nicht geklappt hat.

Deshalb hat Lizzy mal eben ihren Geburtsnamen verschrottet und von ihrem Label eine neue Identität aufgedrückt bekommen. Lasziv, verführerisch, mit einem Hauch Nostalgie der 60er und 70er Jahre. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Auch nicht die Optik der New Yorkerin. Denn es war nicht nur der Lebenslauf von Lizzy, der medienwirksam aufgehübscht wurde. Kaum war die PR-Maschinerie in Gang gebracht, war auch schon die Kunstfigur Lana Del Rey geboren. In Forenkreisen auch gern Lana Del Fake genannt.

Das hat zunächst aber niemanden weiter gestört, denn die erste Single „Video Games“ war tatsächlich ein Volltreffer. Verdorbener Glamour meets Retro. Ein Song ohne wirklichen Refrain, dafür aber mit einer sehr eingängigen Note und einer Stimme, die man so schnell nicht vergisst. „Video Games“ klang nach Hollywood at it’s best, nach einem neuen alten Sound, der neugierig macht. Bei YouTube zog das selbst geschnittene Video deshalb schnell Kreise, wurde mittlerweile knapp 22 Millionen Mal angeklickt. Es war der perfekte Einstieg für die neue Karriere der Lizzy Grant, für das Mysterium Lana Del Rey.

In „Born To Die“ findet der gigantischen Hype um die Sängerin mit den Rehaugen nun seinen vorläufigen Höhepunkt. In zwölf Titeln, die zwischen HipHop und Pop schwanken und maßgeschneidert wirken. Die in längst vergangene Tage entführen, unaufdringlich aus den Boxen dröhnen. Diesmal zählt wirklich nur die Musik, nur die Stimme. Und die ist tatsächlich anders, fast schon hypnotisch. Sie harmoniert besonders beim Titelsong „Born To Die“ perfekt mit den Streichern, ist symphonisch, irgendwie schwermütig süßlich. „Off To The Races“ zeigt allerdings, dass Lana Del Rey auch anders kann. Naivlich, ein wenig qietschig. Das erinnert eher an Lolita als Nancy Sinatra und hebt sich damit recht deutlich von den großen Pluspunkten des Albums ab: „Video Games“, „Blue Jeans“ oder „Million Dollar Man“. Zwischendrin verliert man irgendwie ein bisschen den Faden, aber nie das Interesse.

Denn Lana Del Rey schafft es, eine nahezu düstere Atmosphäre zu kreieren. Mit lakonischem Gesang und Verführer-Attitude. Man verfällt ihren Geschichten um gescheiterte Beziehungen, fragt sich aber immer wieder, was eigentlich echt und was gekünstelt ist. Sieht bzw. hört man sie live, verlieren viele ihrer Songs einen Teil der Magie. Da ist nur noch das unsichere Mädchen mit den aufgespritzen Lippen, den dichten Fake Lashes und dem scheinbar auswendig gelernten Schlafzimmerblick. Und mit den rot lackierten falschen Nägeln. Wenigstens in dieser Hinsicht ist sich die 25-Jährige treu geblieben.

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