Kritik | Wie wir leben wollen von „Tocotronic“

»Wie wir leben wollen« – das ist von der Band ganz dezidiert nicht als Fragesatz formuliert. Sondern so gemeint, dass man von Kunst unter Umständen lernen kann, wie man leben will – und vielleicht ist sie dadurch auch politisch. Sehr oft standen Tocotronic für Verneinung – diesmal gibt es Antworten auf die Frage: Wie wollen wir es denn? Dass die sich nicht in simple Ratschlagsformeln fassen lassen, versteht sich ja von selbst. Vor den Aufnahmen zu diesem Album wurden Beatles und Beach-Boys-Platten auf ihren psychedelischen Pop- Appeal hin geprüft; Godards Studie »One Plus One« darüber, wie eine Rockband musiziert, bestaunt; das Verhallen und Verwischen der Shoegazing-Bands analysiert. Man kann das alles hören, da und dort, in einem sehr unrockigen, konzentrierten Klangbild, mit ausgefeilt produziertem Gesang und einem Schlagzeug in Mono. Schon von der ersten Single an haben sich Tocotronic für Soundästhetik interessiert; dieses Interesse findet jetzt einen faszinierenden Höhepunkt. »Wie wir leben wollen« erscheint am 25.01.2013 bei Universal Music.

1993/94
Der aus dem Badischen nach Hamburg gezogene Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow lernt an der Uni die Punk-Musiker Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug) kennen. Sie gründen die Band Tocotronic, benannt nach einem Gameboy-Vorläufer, und geben schon bald ihr erstes Konzert in einem Eimsbütteler Proberaum- Bunker. Dort nehmen Tocotronic auch im kompromißlosen Zweispur-Verfahren (vulgo: Kassettenrekorder) ihre Debütsingle auf, noch 1993 veröffentlicht als Seven-Inch auf dem eigenen Label ROCK-O-TRONIC records. Die Hamburger Musikszene wird schnell aufmerksam auf diese Newcomer, die zwischen Punk und Grunge, Wut und Melancholie einen ganz eigenen Sound haben. Hauswand- taugliche Slogans in deutscher Sprache, ein Slacker- Stil aus Trainingsjacken und engen Werbe-T-Shirts, sowie vorbildliche Höflichkeit auf der Bühne steigern die Begeisterung. Blumfeld nehmen Tocotronic mit auf Tour, und das Plattenlabel L’Age D’Or möchte ein Album.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*

n/a