Kritik | Talk That Talk von „Rihanna“

Küstler:
Rihanna
Redaktions-Wertung:
Titel:
Talk That Talk (Deluxe Edition)
Release:
18. November 2011
LeserInnen-Wertung:

Etwas mehr als sechs Jahre ist es her, dass eine junge, schüchtern wirkende Dame in bauchfreiem Top und Baggy-Pants in einem Club um „Pon de Replay“ bat und damit eine ganze Generation bezirzte. Damals war Rihanna süße 16 und hatte noch keinen blassen Schimmer von dem Business, in das sie kurze Zeit später mit Ohrwürmern wie „SOS“ oder „Umbrella“ unerbittlich vordrängen sollte. Jetzt, mit 23, weiß sie es sehr genau. Man könnte ihr sogar Kalkül vorwerfen. Denn das einst so niedliche Popküken hat sich längst zu einer vermarktungstüchtigen Frau entwickelt, die nicht nur regelmäßig Haare, sondern immer öfter auch die Hüllen fallen lässt.

Unterhält man sich mit Fans der ersten Stunde, bekommt man deshalb fast immer ein leicht wehmütiges „Damals, ganz am Anfang, da war sie noch niedlich“ zu hören. Mittlerweile ist Rihanna vieles, aber ganz sicher nicht mehr niedlich. Ihre Konzerte erinnern immer mehr an überzogene Orgien, in ihren Videos würde sie sich ganz sicher auch noch die Haut vom Leib reißen, wenn es denn irgendwie ginge. Alles hat einen pornografischen Touch, wirkt berechnend, überzogen. Damit geht selbst einer Rihanna, die Superstars wie Beyoncé oder Britney mal eben locker hinter sich gelassen hat, die Glaubwürdigkeit flöten. Auch musikalisch. Bereits auf ihren letzten beiden Alben „Rated R“ (2009) und „Loud“ (2010) hat sich angedeutet, dass Rihanna stilistisch nicht so ganz weiß, wohin die Reise gehen soll. Dafür hat sie aber auch kaum Zeit, schließlich soll jedes Jahr ein neuer Longplayer erscheinen. Zumindest wenn es nach ihrem Manager geht.

Bislang hält die Exzentrikerin das durch, gestern ist Werk Nummer 6 erschienen. Von Krankenhausaufenthalten, Schwächeanfällen, Grippe und zu viel Alkohol liest man nur nebenbei in Zeitschriften und Online-Portalen. Dort tauchen übrigens auch immer öfter Fotos aus Rihannas privatem Fundus, aus dem Backstage-Bereich auf, auf denen sie sich betont natürlich gibt. Ungeschminkt, im Schlabberlook, beim Rumalbern mit Freunden. Glaubwürdig wirkt allerdings auch das nicht. Nicht, wenn die Sängerin ihre Fans danach bei Konzerten bis zu einer Stunde warten lässt und dann scheinbar lustlos  im Domina-Look auf einem rosa Panzer reitet.

Früher war Rihanna unterhaltsam, es führte charttechnisch kein Weg an ihr vorbei. Daran hat sich auch 2011 nichts geändert, allerdings stellt sich mehr und mehr eine gewisse Übersättigung ein. Rihanna selbst scheint das nicht weiter zu stören. „Talk That Talk“ heißt das sechste Album deshalb ganz einfach. Dabei besingt Rihanna die große Liebe (immerhin fünf Titel enthalten das Wörtchen ‚Love‘), die sie selbst noch nicht gefunden hat. Mit der ersten Auskopplung „We Found Love“ feat. Calvin Harris hat sie direkt wieder einen Volltreffer gelandet. Es scheint fast egal zu sein, was sie veröffentlicht – alles wird nahezu zum Selbstläufer.

„Talk That Talk“ allerdings enttäuscht beim ersten Durchhören. Bis auf wenige Ausnahmen gleicht ein schnell produzierter Song dem anderen, Rihanna klingt lustlos und als wäre sie nicht immer bei der Sache. Das kann man sogar nachvollziehen, wenn man weiß, dass der Großteil der Tracklist in einem mobilen Studio während der „Loud“-Tour aufgenommen wurde. Kreativität? Dafür war scheinbar keine Zeit. Auch nicht bei „Princess of China“, einer Kollaboration mit Coldplay, die auf „Mylo Xyloto“ absolut deplatziert ist. Dennoch werden die meisten Songs von „Talk That Talk“ sicher wieder ihren Weg in die Charts finden. Warum auch immer. Es ist schade, dass bei Rihanna längst die Quantität vor die Qualität gerückt ist.

Müssen sechs Alben in sieben Jahren denn wirklich sein? Manager Jay Brown rechtfertigt sich mit den Worten: „Die Kids wollen ständig neues Material. Ich glaube, man wird austauschbar, wenn man nur alle drei Jahre ein Album veröffentlicht.“ Diese Veröffentlichungs-„Taktik“ erinnert doch stark an Apple und selbst dort hat sich in diesem Jahr eine gewisse Resignation eingestellt. Vielleicht sollte Mr. Brown mal aufgeklärt werden. Denn es gibt durchaus Stars, die auch ohne jährliche Veröffentlichung erfolgreich sind. Sie haben vielleicht keine 30 Millionen Tonträger verkauft und keine 45 Millionen Fans bei Facebook, aber sie laufen dadurch auch nicht Gefahr zu überreizen, und sich einem unglaublichen Druck zu unterwerfen.

Das wohl größte Problem mit Rihanna ist, dass sie eigentlich viel mehr könnte. Auf Alben wie „Good Girl Gone Bad“ oder „Rated R“ hat sie das eindrucksvoll bewiesen. Doch bei „Talk That Talk“ zeigt sich scheinbar erstmals, welchen Tribut das straff durchorganisierte Leben der Pop-Prinzessin fordert. Besonders in den fast ausnahmslos sexistischen Lyrics. Diesen bitteren Beigeschmack können auch Balladen wie „Fool in Love“ und „Drunk On Love“ nicht hinwegspülen. Auch nicht die hin und wieder durchblitzenden Reggae-Wurzeln, die an Rihannas Pop-Style der Anfangszeit erinnern. Zwischendrin sind da einfach zu viele nichtssagende Nummern á la „Red Lipstick“ oder „We All Want Love“, die in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Letztlich sind es eigentlich nur eine Handvoll Songs, die wirklich catchy sind. Und damit fehlt „Talk That Talk“ etwas ganz Entscheidendes: Balance und eine wirkliche Aussage, abseits von Sex-Sklaven und erotischen Fantasien.

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