Hélène Grimaud – Wege mit Brahms – "Brahms: Klavierkonzerte Nr. 1 und Nr. 2" | VÖ: 27.09.2013

Grimaud-Brahms-Piano-Concertos-Photocredit-Mat-Hennek-DGAugenzwinkernder Gruß an den Komponisten? Hélène Grimaud stellt fest, dass sie nach ihrer Aufnahme des Ersten Klavierkonzerts von Brahms 15 Jahre brauchte, bevor sie sich an das Zweite machte – wie denn auch zwischen den jeweiligen Uraufführungen der beiden Werke 22 Jahre lagen. Dass die Pianistin so langsam vorging, liegt an der besonders engen Beziehung, die sie zum Konzert Nr. 1 in d-moll hat. Es war zum Beispiel das erste Werk von Brahms, das sie je hörte. Von dieser Entdeckung bleibt ihr ein unbeschreibliches Gefühl in Erinnerung: “Etwas, das einen aufsaugt, das keinen Raum mehr für irgendetwas anderes lässt. Eine ganze Welt öffnet sich, in die man sich ohne viel Nachdenken ganz fallen lässt.”

Für sie repräsentiert dieses Konzert das Leben, die Existenz selbst: “Man ist wirklich Teil dieser Existenz, ohne Abstand, ohne Rückzugsmöglichkeit.” Sie weiß, dass sie dieses Werk körperlich und seelisch braucht. Sie spricht von seinem spontanen, in sich geschlossenen Charakter: “Dieses Konzert vermittelt den Eindruck, es sei in einem einzigen Zug zu Papier gebracht worden, obwohl man ganz genau weiß, dass es nicht so war.” Im zweiten Satz, der Clara Schumann gewidmet ist, gibt es eine Passage voller Inbrunst, fast ein Gebet, die man mit intellektueller und emotionaler Ehrlichkeit spielen muss, um die Wahrheit des Werks hervortreten zu lassen: “Nur diese Aufrichtigkeit erlaubt, die Zuhörer zu berühren. Es gibt allerdings keine Garantie, denn jeder nimmt die Dinge anders wahr. Eine Interpretation kann nicht alle Menschen auf dieselbe Art berühren, aber zumindest muss diese Dimension vorhanden sein”, betont sie.

Ihre Beziehung zum Konzert Nr. 2 ist komplizierter und widersprüchlich. Lange Zeit erschien es ihr weniger bedeutend als das Erste. Das Finale kam ihr überflüssig vor, obwohl sie es bewundernswert findet. “Wenn viele Leute eine Vorliebe für das Zweite Konzert haben, dann vielleicht wegen seines intensiven Ausdrucks. Es ist ein Blick auf das, was das Leben einst war, was es ist und was es hätte sein können. Eine gewisse Nostalgie und zugleich eine bittersüße Zärtlichkeit.”

Trotzdem war es für sie unvorstellbar, es nicht zu spielen. Oder ihr Leben ohne dieses Werk zu verbringen. Das lag an ihrem Verhältnis zu Brahms. Schon als Kind fühlte sie sich diesem Komponisten besonders nahe. Seine Musik gibt ihr ein Gefühl der Vertrautheit, das sie weder zu erklären noch zu rechtfertigen sucht.

Erst 2007 begann sie am B-dur-Konzert zu arbeiten. Aber sie hatte immer noch Vorbehalte. “Es herrschte eine ängstliche Vorsicht”, erinnert sich die Pianistin. “Ich betrachtete das Werk, und ich betrachtete mich selbst in meiner Beziehung zum Werk. Eine gewisse Distanziertheit, die einem überzeugenden Ergebnis im Wege stand. Ich habe das Konzert gelernt und zweimal gespielt. Dabei sagte ich mir: Auftrag erfüllt, und das genügt für den Augenblick.”

Weitere fünf Jahre gingen ins Land. Bis zu dem Moment, als sie das Bedürfnis spürte, sich dem Werk erneut zuzuwenden. Aber jetzt akzeptierte sie es so, wie es war, in seiner Gesamtheit. Eine neue Beziehung zu diesem Konzert war entstanden. Zugleich mit der Gewissheit, dass sie nun auch das d-moll-Konzert noch einmal angehen musste. Das eine war für sie vom anderen nicht zu trennen. Unmöglich, das Konzert Nr. 2 aufzunehmen, ohne dass Nr. 1 wieder in Erscheinung trat.

So nahm dieses Projekt Gestalt an. Doch Hélène Grimaud ging es nicht darum, unbedingt eine andere Interpretation des Konzerts Nr. 1 zu präsentieren. “Das entspricht mir gar nicht. In dem Maße, wie man sich entwickelt, wie man bestimmte Dinge erlebt, nimmt man das Werk, mit dem man ja weiterhin in Kontakt ist, durch den Filter neuer Erfahrungen und neuer Begegnungen wahr. Das alles bewirkt eine Veränderung, und doch bleibt es ein und dasselbe. Das ist das Konzept der Versöhnung der Gegensätze.”

Konzert Nr. 1 wurde mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks eingespielt, Nr. 2 mit den Wiener Philharmonikern. Es war Hélène Grimauds erste Aufnahme mit dem renommierten Wiener Orchester. Zwei Orchester, aber nur ein Dirigent: Andris Nelsons, den die Pianistin bewundert und mit dem sie eine starke geistige Verwandtschaft verbindet. “Man fühlt, dass die Musiker für ihn durchs Feuer gehen würden. Ich sprach vorhin von der intellektuellen Ehrlichkeit als einziger verlässlicher Grundlage der Interpretation eines Werks, und dies hier ist dieselbe Sache. Es gibt bei ihm eine Reinheit, die nach meiner Ansicht die Musiker anders reagieren lässt”, erklärt sie und beschreibt abschließend begeistert “eine Freiheit, eine Intensität, eine musikalischen Intelligenz, aber auch etwas Instinktives und jene Reinheit der Absicht, die bewirkt, dass man alles geben möchte.”

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